Nazi-Sexpuppen oder: Der Weg einer Meldung

Da stolperte ich vorhin doch glatt über einen Artikel über Borghild, ein angeblich streng geheimes Projekt der Wehrmacht zur Herstellung von Sexpuppen – zum Schutz vor Geschlechtskrankheiten, die Frauen in eroberten Gebieten übertragen könnten.

Klingt absurd: Offenbar nicht für Blogcritics – die schreiben das, als wäre es Tatsache. Ich hingegen wurde etwas skeptisch und wollte mal tiefer buddeln. Das fand ich heraus:

Die zeitliche Abfolge

Bis April gab es anscheinend mit www.borghild.de eine einzige Website (auch auf englisch) zum Thema – dann erwähnte die taz das Projekt – unter Bezugnahme auf ebendiese Website – in einem Artikel. Ob die taz selbst auf diesen Artikel stieß oder ob eine andere Publikation die Seite zuvor erwähnte, lässt sich nicht klar feststellen.

Kurz nach dem taz-Artikel tauchen eine Menge Berichte zum Thema auf. Alle stellen es als Fakt dar. Interessant dabei: Der ursprüngliche Artikel erwähnt Joachim Mrugowsky (der unter den Nazis tatsächlich am Hygienischen Institut Halle abscheuliche Experimente veranstaltete), schreibt den Nachnamen aber konsequent falsch als „Mrugrowsky“ (also mit einem „r“ zuviel vor dem „o“). Diese Fehlschreibung wird in allen Artikeln übernommen, die den Namen des Erfinders beinhalten. Es ist also davon auszugehen, dass alle Berichte direkt oder indirekt auf Borghild.de zurückgehen.

So landet der Artikel Ende Mail 2005 schließlich auch bei der BILD-Zeitung – selbst die ist in ihrer Berichterstattung ungewohnt vorsichtig, hat allerdings dem Bericht nach kaum Eigenrecherche betrieben.

Immerhin schließt ihr Artikel mit folgender Aussage:

„Fakt ist: Der Prototyp der Puppe ist nie aufgetaucht. Allerdings wurde das Dresdner Hygiene-Museum während des Krieges schwer zerstört.

Die Leiterin der Sammlung, die Kulturwissenschaftlerin Susanne Roeßiger (43):

„Die Anfrage eines Wissenschaftlers der Freien Universität Berlin hat uns auf diesen durchaus interessanten Bericht aufmerksam gemacht. Seitdem recherchieren wir und prüfen unsere Archive. Bislang allerdings ohne Ergebnis.“ „

Vielsagende Änderungen im Detail

Inzwischen wurde die Startseite von borghild.de entfernt. Der Rest der Site blieb freilich da und ist dank Google problemlos zu erreichen. Wie die Startseite einmal aussah, sieht man im Web-Archiv. Die dort gespeicherte ältere Kopie des deutschen Textes aus dem Jahr 2003 hält eine weitere Überraschung bereit: Im neuen Text stehen unter den Fotos folgende Unterschriften:

„Rekonstruktionsversuch an einer Schaufensterpuppe (Quelle: Female Runner – Made By Mondo )“

und

„Rekonstruktionsversuch des Kopfes an einer Schaufensterpuppe“

In der originalen Fassung der Seite fehlen diese Unterschriften.

Beide Fassungen haben unten folgenden Absatz:

„Von Arthur Rink stammen auch die wahrscheinlich einzigen Photos der Borghild-Puppe.
„Bei den Kontaktabzügen handelt es sich um a.) Gesichtsstudie Nr. 2 Dominant und b.)Ganzkörper Ansicht, seitlich. Beide Photos habe ich im Papierkorb des Museumlabors gefunden. Andere Aufnahmen habe ich leider nicht, da das Fotografieren vor Ort verboten war.“
Die „Ganzkörper-Ansicht, seitlich“ präsentiert die Borghild-Puppe in der 1941 am SS-Hygiene-Institut Berlin präsentierten Form.
Unverkennbar ist der Einfluß von Rinks Lehrer Arno Breker, der die Steigerung der menschlichen Vorstellung im Körperlichen und im Ausdruck propagierte. Der Körper der
Puppe ist ästhetisch raffineriert und von allem Überflüssigen befreit.“

Ohne die Kennzeichnung der Fotos als Rekonstruktion impliziert dies, dass es sich um Originalbilder handelt – mit Kennzeichnung der Fotos als Rekonstruktion ergibt es keinen Sinn: Warum sollte der Text in dieser Form von angeblich existenten Originalbildern sprechen ohne sie zu zeigen?

Der Autor

Der Text auf Borghild.de gibt einen gewissen „Norbert Lenz“ als Autor an – in der englischen Fassung erfahren wir mehr über ihn als in der deutschen:

„Norbert Lenz, born 1966 in Hamburg, is a freelance-journalist contributing regulary to magazines like Stern, Max and Focus.“

Eine Google-Suche nach „Norbert Lenz“ plus einem der Zeitschriftennamen erbringt keinerlei Resultate. Das muss nichts heißen, ist aber schon mal merkwürdig. Und bei Amazon findet sich als einziges Buch mit einem „Norbert Lenz“ als Autor, das bahnbrechende Werk „Entenparadies Bodensee„. Komsich, dass der gute Mann mit seinem sensationellen Wissen über Nazi-Sexpuppen so hinterm Berg hält.

Zwischenstand

Die Fakten bisher zusammengefasst:

  • Alle Infos kommen von einer Website
  • Die angebliche Autorschaft lässt sich nicht belegen
  • Zunächst als original erscheinende Fotos wurden nachträglich mit einem Rekonstruktions-Vermerk versehen
  • Die Seite wurde anscheinend ziemlich stümperhaft aus dem Netz genommen

Der Domain-Inhaber

Bleibt nur noch Eines: Gucken wir mal, wem Borghild.de gehört:

Laut DENIC ist die Domain auf einen gewissen Mike Cospro registriert, Wohnhaft in Neumarkt in der Oberpfalz. „Mike Cospro“ ist nicht gerade ein häufiger Name, Google weiß nichts über ihn und im Telefonbuch von Neumarkt ist er auch nicht verzeichnet.

Das ist nun der Stand der Dinge – und das vorhandene Material hat mein Vertrauen in diese Sex-Puppen-Geschichte nicht gerade wachsen lassen…

Was bleibt, wäre noch eine Anfrage bei der Kontaktadresse, die auf der Borghild-Seite angegeben ist, aber das überlasse ich gerne Anderen. Wenn die „BILD“ das anscheinend nicht nötig hatte, dahin zu mailen, dann muss ich das doch auch nicht tun, oder?

9 Responses to “Nazi-Sexpuppen oder: Der Weg einer Meldung”

  1. puppenliebhaber sagt:

    ja es ist manchmal wirklich verwunderlich was sich so alles zu trägt! wir verfolgen das thema auch schon seit einiger zeit. über den ausgang sind wir uns allerdings uneinig… wir haben einfach zu wenig fakten in der hand!

    Edit von Jens, 19.04., 22:14: Ich hab den Homepagelink entfernt, der führte nämlich auf einen Sexpuppenshop – und dafür stelle ich keine kostenlose Werbefläche zur Verfügung. (Ach ja: Und wenn man schon versucht, seinen Laden zu bewerben,. sollte man auch ins Mail-Adressenfeld eine passende Domain eintragen, und nicht nur eine ähnlich klingende, die aber lt. Whois-Eintrag von jemand ganz anderem zum Verkauf angeboten wird…)

  2. Puppenspieler sagt:

    Die Ente hat es inzwischen in die Literatur geschafft, zumindest wird ein gewisser Chuck Palahniuk als Charles Bukowskis Nachfolger beworben, und Herr Palahniuk nennt Hitler als angeblichen Erfinder der Sexpuppen in seinem Werk „Snuff“: „um das arische Blut reinzuhalten und als Schutz gegen Geschlechtskrankheiten“

    Was eine Fake-Website für Kreise ziehen kann … 😉

  3. […] I restate, this is garbage; it was debunked in 2005 in German right here and again right here (here are the Google Translate versions of the first and the second; they’re […]

  4. […] I restate, this is garbage; it was debunked in 2005 in German right here and again right here (here are the Google Translate versions of the first and the second; […]

  5. Candide sagt:

    Und heute kam dann ein Artikel in Spanien heraus:

    http://www.lavanguardia.com/opinion/articulos/20110716/54185946147/ein-volk-ein-reich-ein-fuhrer.html

    Der nimmt’s echt ernst!

    PS: ENTENparadies Bodensee ist ein netter Hinweis worum es sich handelt.

  6. […] namelijk als Mrurgowski, een spelling die overal wordt overgenomen. In mei 2005 neemt Bild een artikel over het Project op, maar is daarin (tegen de normale praktijk in) voorzichtig en geeft aan het […]

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