Journalistische Standards

Was braucht man für einen Spiegel-Artikel über das Eurovisions-Finale?

Ganz klar:

  • Eine gehörige Dosis Häme: „zu Beginn sah die 51. Auflage des Athener Wettbewerbs wie eine Probe des Bielefelder Kinderballetts aus
  • Abfällige Vergleiche: „Grand-Prix-Egomane Ralph Siegel schrieb ihnen mit „If we all give a little“ einen schlimmen Heuler auf den Leib -am Ende wirkte die Band wie eine Karaoke-Truppe auf einem havarierten Kreuzfahrtschiff
  • Die Lufthoheit in Geschmacksfragen: „Die Gruppe hatte bereits 2002 mit dem „Ketchup Song“ abseitigen Geschmack bewiesen, dieses Jahr besangen sie eine „Bloody Mary“
  • Dazu eine milde Dosis Patriotismus: „Und dann die Deutschen: Als Texas Lightning mit „No, no, never“ ins Rennen ging, wehte ein Hauch von Professionalität durch den Saal.

Hingegen scheint es nicht nötig zu sein, sich die Show tatsächlich anzusehen — wie sonst ist es zu erklären, dass über diesen Herrn Folgendes geschrieben wird?


Ach ja, auch Logik scheint nicht zu den notwendigen Zutaten der Berichterstattung zu gehören, wie sich an folgendem Zitat sehen lässt:

Für Litauen trat ein Männerchor mit einer Mischung aus Van Halen, grober Selbstüberschätzung und rudimentären Englischkenntnissen an. Die sechs Herren sangen in der Manier einer Fankurve, drei Minuten lang: „We are the winners of Eurovision“. Gerade die Osteuropäer reflektierten so die politische Öffnung ihrer Staaten. Belustigten sie vor einigen Jahren noch mit freizügigen bis bekloppten Folk-Pop-Einlagen, erstritten sie in Athen Respekt mit internationalen Standards.

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