Der „Tatort“ und die Aleviten [Aktualisiert]

Ich bin ja was Religion im Allgemeinen und den Islam im Besonderen angeht eher ahungslos. Obwohl man die Begriffe „Schiiten“ und „Sunniten“ tagtäglich in den Nachrichten hören kann, habe ich mir nie die Mühe gemacht, nachzulesen, was denn nun der Unterschied im Glauben zwischen den Beiden ist. Und bis Sonntag hätte ich noch nicht einmal gewusst, dass Aleviten auch Moslems sind.

Doch dann kam ja der „Tatort“. Der spielte im Deutsch-Türkischen Millieu und hatte am Ende als Täter (Achtung, Spoiler) einen alevitischen Familienvater, der seine Tochter missbraucht hatte. Nun gut, irgendwer ist in Krimis ja immer der Täter – und wenn 90% der Figuren aus dem Migranten-Umfeld kommen, ist die Überraschung nicht so groß, dass es einer davon ist – und nirgendwo erschien es so, als habe dessen Religion oder Nationalität irgend etwas mit der Tat zu tun.

Insofern war ich irritiert, dass die alevitische Gemeinde wegen dieses „Tatort“ Anzeige wegen Volksverhetzung erstattete. Dann recherchierte ich, und hab’s etwas besser kapiert.

Erster Hinweisist ein türkisches Schimpfwort für Aleviten:

„Kizilbaslar“. Wortwörtlich übersetzt „Rotköpfe“, bedeutet das Wort aber viel mehr: Blutschande oder Inzest, was so auch im berühmten Türkisch-Deutschen Wörterbuch von Steuerwald steht.

Das lässt ahnen, dass die Erwähnung von Inzest in Zusammenhang mit Aleviten ein sensibleres Thema sein könnte als andere Straftaten. Und die Alevitische Gemeinde Bünde gibt ausführlicher Auskunft:

Das Alevitentum formte sich erst in Anatolien im 13. und 14. Jahrhundert. […]

Anschuldigungen seitens der Sunniten, […] daß in ihren Gemeinden Inzest betrieben wird, weil sie ihre Rituale gemeinsam mit den Frauen und Kindern führen im Gegensatz zu den Sunniten stammen aus osmanischer Zeit und wurden damals zum Zweck der Unterdrückung des Alevitentums verbreitet. Bis heute sind derartige Beschuldigungen und Vorurteile unter den fanatischen Sunniten gegenwärtig.

Wenn ich das also richtig verstehe, ist die Darstellung eines Aleviten, der Inzest betreibt, ähnlich ideologisch aufgeladen wie die Darstellung eines hinterlistigen und geldgierigen Juden: Beides sind Propaganda-Klischees, die von bestimmten Gruppen genutzt wurden, um gegen andere Volksgruppen Stimmung zu machen, und deswegen per se zu vorbelastet, um einfach als neutral im Sinne von „so etwas kommt in allen Volksgruppen vor“ durchzugehen. Über diesen Aspekt des Themas wurde allerdings im gesamten „Tatort“ meiner Erinnerung nach kein Wort verloren.

Ich glaube der Autorin aber sofort, wenn sie Folgendes versichert:

Angelina Maccarone, Drehbuchautorin und Regisseurin des „Tatorts“, betonte, dass der Fall in jeder Familie überall auf der Welt passieren könne, egal ob deutsch oder türkisch. Die Tat des Vaters werde in keiner Weise von seiner Religion getragen oder gerechtfertigt.

Wie gesagt, das glaube ich unbesehen und bis zum eindeutigen Beweis des Gegenteils, denn ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass hiesige Fernsehanstalten und Regisseurinnen bewusst Vorurteile über bestimmte Religionen schüren. Allerdings wundere ich mich als Außenstehender und ohne jeden Einblick in den Schaffensprozess schon, wieso mit einem so heißen Eisen so beiläufig und m.E. ohne jegliche Einordnung in den thematischen Kontext hantiert wurde. Auch wenn ich nicht glaube, dass hier bewusst böse Absichten im Spiel waren, kann ich doch verstehen, wenn Aleviten empört darüber sind, wie fahrlässig hier offenbar stigmatisierende Stereotypen genutzt wurden.

Update: Hab noch einen Artikel in der Netzeitung gefunden, in dem der Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde Deutschland sich entprechend äußert:

„Wir sind nicht die besseren Menschen, und natürlich gibt es bei uns auch Räuber und Mörder“, sagte Toprak. „Aber ausgerechnet den Missbrauch der eigenen Tochter durch den Vater in die Geschichte einzubauen, ist extrem unsensibel und wiederholt genau die Vorurteile, mit denen die Aleviten seit Jahrhunderten verfolgt und bis heute diskriminiert werden.“

Nicht nachvollziehen kann ich allerdings, wieso nach der Ausstrahlung negative Reaktionen gegen Aleviten befürchtet werden: Der Film mag unsensibel mit dem Klischee umgegangen sein, er hat es jedoch nicht befördert (nirgendwo wurde ein Zusammenhang zwischen Religion und Verbrechen auch nur angedeutet). Wer den Film also ohne Vorurteile gesehen hat, wurde nicht indoktriniert. Das Schlimmste, was passieren könnte, ist Applaus für den NDR aus einer gänzlich ungewollten Ecke.

So, das soll’s von mir aber auch dazu gewesen sein – man sollte nicht zuviel über Themen schreiben, von denen man kaum etwas versteht…

One Response to “Der „Tatort“ und die Aleviten [Aktualisiert]”

  1. Annika sagt:

    Ich finde, das ist ein sehr informativer und ausgewogener Beitrag zum Thema! Vielen Dank.