Die üblichen Klischees über Soaps

Man könnte den Eindruck gewinnen, Spiegel Online versuche mit Gewalt, sein Web 2.0.-Experiment „einestages.de“ ins Gespräch zu bringen – und sei es indem man offensichtlichen Unsinn veröffentlicht:Der Wortvogel zerpflückt einen mit Fehlern gespickten Beitrag des Technik-Redakteurs Matthias Kremp, und ich beiße auch mal wieder an – denn vor einigen Tagen hat Philipp Kohlhöfer, ebenfalls Profi-Journalist, eine Kolumne zum Thema Fernsehen und Soaps online gestellt. Die enthält nun so viele Hinweise darauf, dass der Autor keine Ahnung vom Thema hat, sondern schlichtweg beliebte Vorurteile nachplappert, dass ich mich doch näher damit auseinandersetzen mag.

Es fängt ganz okay an – nach einer Menge persönlicher Erinnerungen gibt Kohlhöfer einen kurzen Abriss der Geschichte der Daily Soap. Ich konnte zwar nirgendwo eine Quelle dafür finden, dass die erste Radio-Soap, die Procter & Gamble sponsorte, 1929 lief, wie von Kohlhöfer behauptet, aber da verschiedenste Quellen unterschiedlichste Daten angeben (alles zwischen 1925 und 1933), will ich da mal nicht so sein. Die grobe Richtung stimmt immerhin.

Aber danach wird es lustig:

Dabei hat sich das Prinzip der Soaps in Jahrzehnten nicht verändert: Sie müssen schnell und billig zu produzieren sein. Zuviel Professionalität schadet eher.

Blödsinn. Es gibt kaum eine Produktionsform, die so sehr auf Professionalität angewiesen ist, wie die tägliche Serie. Es müssen jeden Tag 20 sendefähige Minuten fertig werden. (Zum Vergleich: Filmproduktionen kommen je nach Budget im Schnitt auf 1-5 Minuten pro Tag.) Damit ein so hohes Tempo überhaupt realisiert werden kann, müssen alle Mitarbeiter voll bei der Sache sein.

Soap-Charaktere […] sind schlecht gekleidet, reden Müll, sind meist ungebildet, und ihre Darsteller sind so untalentierte Schauspieler, wie es unsere echten Nachbarn auch wären.

Auch hier wäre es hilfreich, sich zu vergegenwärtigen, dass jeder Soap-Darsteller täglich ein Vielfaches des Arbeitspensums bewältigen muss, dass Schauspielern bei größeren Produktionen abverlangt wird. Wenn ich einen ganzen Tag für eine einzelne Szene einplanen kann, kommt dabei am Ende wahrscheinlich etwas tolleres raus, als wenn ich dieselbe Szene in einer Stunde drehen muss. Da ist aber keine Frage des Talents sondern des Systems. Und um in diesem System zu bestehen, sollte man schon Talent mitbringen, damit es überhaupt geht. Deswegen werden Soap-Darsteller auch längst nicht mehr rein nach dem Aussehen gecastet – die Zeiten als Models vor die Kamera gepackt wurden und via „Learning by Doing“ beim Dreh schauspielern lernten, sind vorbei.

Mein subjektiver Eindruck: Die meisten hauptberuflichen Soap-Darsteller sind heutzutage nicht besser und nicht schlechter als die Masse der sonstigen deutschen Schauspieler. Das Angebot an fähigen, arbeitswilligen Schauspielern ist viel zu groß, als dass man ohne Not untalentierte Leute nehmen müsste. (Ich lasse mal die ganzen Gerichtsshows mit Laiendarstellern außen vor – der Artikel bezieht sich ausdrücklich auf Daily Soaps, und die gibt es nicht mit Laiendarstellern.)

Was den Seitenhieb mit dem „Müll reden“ angeht: Klar, Soaps sind nicht intellektuell sondern meist romantischer Eskapismus, und Dialogautoren müssen sich an formalen Einschränkungen orientieren (wie z.B. regelmäßigen Darlegungen der bisherigen Geschehnisse, damit auch diejenigen folgen können, die eine Folge verpasst haben). Darüber sind sie auch nicht unbedingt begeistert. Aber die fähigen unter ihnen schaffen es trotzdem, durchaus knackige Dialoge zu schreiben. Das heißt jetzt nicht, dass man Soaps angucken oder mögen müsste – aber sie einfach nur als pauschal als „Müll“ zu verdammen, nur weil sie keine Kunst sind sondern Handwerk, ist keine ernstzunehmende Kritik sondern billige Polemik.

Ihre Herstellung kostet fast nichts.

Kommt wohl darauf an, wie man „fast nichts“ definiert: Die durchschnittliche deutsche Soap-Produktion beschäftigt das ganze Jahr über ca. 200 Angestellte, die meisten davon 5 Tage die Woche und oft mehr als 8 Stunden pro Tag; inklusive all der Kosten für Überstunden, Nachtarbeit, etc., die dadurch anfallen. Wenn man dann noch die ganzen Unkosten für Studiomieten, Strom, etc. dazu rechnet, ist „fast nichts“ keine so ganz kleine Summe mehr – was auch der Grund dafür ist, dass sich die kleineren Sender keine Soaps leisten: Wenn nicht genügend Zuschauer einschalten, ist das Ganze ein enormes Zuschussgeschäft.

Trotzdem sind Soaps billiger als andere fiktionale Formate – einfach weil es kostengünstiger ist, immer wieder in bereits aufgebauten Kulissen und mit einem eingespielten Team zu arbeiten, als so einen Produktionsapparat mühsam auf die Beine zu stellen, damit dann 90 Minuten Film zu machen und danach alles wieder abzubauen. (Und natürlich wieder das bekannte Argument: Hohes Drehtempo = niedriger Minutenpreis.)

Und schließlich bekommen wir auch noch einen Einblick in das Standesdenken des Herrn Kohlhöfer:

[Es] sitzen allabendlich so viele Menschen vor dem Fernseher, dass die Werbeminuten beinahe so teuer sind wie die Slots in den Werbeunterbrechungen eines für Unsummen eingekauften Spielfilms.[…]Eine Vorabend-Soap jedenfalls ist die Perversion jeglicher Fernsehsendung. Noch schlimmer wird es nur, wenn der talentfreie Darsteller zu singen beginnt […]. Spätestens, wenn diese Typen über den Bildschirm flimmern, wird es für mich Zeit, den Raum zu verlassen, um keine unbeteiligte Person aus Frust zu verprügeln.

(Ihm sollte einmal jemand sagen, dass es reicht, um- oder auszuschalten. Dann sind die bösen Soaps auch weg aus dem Zimmer.)

Ich kann verstehen, wenn Leute sagen, dass ihnen Soaps zu seicht sind. Ist Geschmackssache, man muss sie sich ja nicht ansehen. Aber ich frage mich schon, wieso es das deutsche Feuilleton einfach nicht hinkriegen will, sich mal objektiv mit dieser Sendeform und ihren Eigenheiten zu beschäftigen, statt immer wieder die gleichen Klischees aufzubieten und dieselbe Formel herunterzuleiern: „Die Masse ist doof, die Sendung ist schlecht.“ Wer so argumentiert, kann sich seinen Kulturpessimismus schön selbst zusammenbauen, ganz ohne sich mal an der Realität abarbeiten zu müssen

8 Responses to “Die üblichen Klischees über Soaps”

  1. Torsten Dewi sagt:

    Ein ganz, ganz dummer Text, dessen Autor offensichtlich nicht informieren, sondern sich Luft machen wollte. Es scheint bei „Eines Tages“ keinerlei interne Kontrollinstanzen zu geben…

  2. Baumi sagt:

    Wenn’s nur das wäre – aber das Ding war vor ein paar Tagen auf der Titelseite verlinkt. Nur so bin ich darauf aufmerksam geworden. Und verfasst wurde es von jemandem, der ansonsten als freier Journalist arbeitet, d.h. ich gehe mal davon aus, dass er Geld für diesen Text bekommen hat. (Überhaupt scheint ein Großteil von „Eines Tages“ von bezahlten Gastautoren eingestreut zu werden.) Hatte auch noch überlegt, dass im Blog-Eintrag anzusprechen, aber der ist so schon zu lang und unhandlich. (War es Mark Twain, der sich entschuldigte, dass ein Text so lang geworden sei, weil er keine Zeit gehabt habe, einen kurzen zu schreibe? So ähnlich geht’s mir bei diesem Eintrag…)

  3. Ute sagt:

    Der „einestages“-Text folgt mMn einem ungesunden, aber häufig anzutreffenden Phänomen in der (deutschen) Medienkritik: Dinge nicht anhand dessen zu beurteilen was sie sind, sondern anhand dessen, was sie nach Ansicht des Autors sein sollten.
    Natürlich sind Daily Soaps keine Hochglanzproduktionen mit aufwendigen Außendrehs, aber das sind sie nirgendwo, auch im Mutterland allen Fernsehens nicht. Aber mach das mal jemandem klar, der noch nie „Flamingo Road“, „California Clan“ oder der „Springfield Story“ gesehen, geschweige denn verstanden hat. Ich schaue derzeit keine Daily Soaps mehr, weil ich aus diversen Gründen das Interesse verloren habe. Meine letzte nähere Begegnung mit dem Thema war „Verliebt in Berlin“ und ich erinnere mich noch mit Grausen an die mitleidigen „Sowas gugst du, du hast doch studiert“-Blicke von Leuten, die überhaupt nicht wussten, worum es geht, aber dennoch in der Lage waren, sich ein Urteil zu bilden. Ich kann da inziwschen nur noch mit den Schultern zucken und ein mitleidiges Lächeln aufsetzen.

  4. Baumi sagt:

    @Ute:
    „Dinge nicht anhand dessen zu beurteilen was sie sind, sondern anhand dessen, was sie nach Ansicht des Autors sein sollten.“

    Danke für diese knappe und präzise Formulierung! Trifft es genau.

    Gerade bei ViB fiel der Spiegel auch unangenehm auf: Immerhin war die Serie seinerzeit für Daily-Verhältnisse ungewöhnlich: Vor allem in der Anfangszeit glänze sie mit viel Witz, schönen Dialogen und vergleichsweise viel Mut zu visuellem Erzählen. (Vieles davon litt dann leider unter der Verlängerung der 1. Staffel.)

    Im Spiegel-Artikel dazu war davon natürlich nichts zu lesen, statt dessen eben der übliche „Noch eine seichte Schmonzette mehr“-Kommentar.

    Im Übrigen glaube ich auch, dass Soaps und Telenovelas für die meisten Zuschauer immer nur eine gewisse Zeit interessant sind: Ich hatte meine Soap-Guck-Phase vor mehr als 10 Jahren, als „Unter Uns“ und „Verbotene Liebe“ gerade anfingen. Nach ein oder zwei Jahren war es dann erst einmal gut, und wenn ich heute nicht beruflich damit zu tun hätte, hätte ich wohl auch nicht wieder damit angefangen.

  5. Torsten Dewi sagt:

    Ich habe, glaube ich, anno ’93 die einzige positive Kritik zum Start von GZSZ geschrieben (im Gong – 4 von 6 Punkten). Dabei ging ich genau von dem aus, was Ute anspricht – es soll eine tägliche Dosis Drama für die Masse sein. Und als solche war die Serie durchaus gelungen. Verstanden hat das von meinen Kollegen damals keiner – ich musste mir manchen blöden Spruch anhören. Das galt übrigens auch für den Pilotfilm zum „Bergdoktor“ seinerzeit – 6 von 6 Punkten. Gute Kritiker können durchaus abstrahieren.

  6. Mencken sagt:

    Der Artikel ist schlecht, aber die zur Schau gestellte Haltung keineswegs allzu selten – ich kenne einige der GZSZ-Schreiber und der Drang, sich über die eigene Arbeit lustig zu machen, nebst obligatorischem Hinweis auf die eigene Zugehörigkeit zur „Bildungsoberschicht“ und diverse „ernsthafte“, bzw. „künstlerisch wertvolle“ Nebenprojekte, gehört dort einfach zum guten Ton.
    Insofern wundert es mich auch nicht, daß das Echo in Spiegel, etc. ähnlich negativ ist, wenn selbst die Macher des Produkts den Zwang verspüren, sich von ihrer Arbeit zu distanzieren und einmal mehr das Elend der Ironie walten zu lassen.

  7. Baumi sagt:

    Ohne die Kollegen persönlich zu kennen: Das finde ich dann von deren Seite her genauso problematisch. Ich verfolge GZSZ nicht, und kann daher nicht beurteilen, ob es berechtigt ist, sich dafür zu schämen :-), aber ich habe bei unserem Team glücklicherweise das Gefühl, dass alle ihren Job gerne machen und jede Woche versuchen, Geschichten zu erzählen, auf die sie stolz sein können und für die sie sich nicht schämen müssen; trotz aller Kompromisse und Verwässerungen, die das Format Daily Soap nun mal leider mit sich bringt.

    Kann es übrigens sein, dass Du Dialogautoren meinst? Die sind ja nicht so eng in den Entwicklungsprozess eingebunden wie Storyliner und schreiben oft Soap-Bücher tatsächlich nur zum Broterwerb (und oft auch nicht jede Woche eines), von daher könnte ich mir da so eine Haltung leichter erklären, als bei denjenigen, die Tag für Tag dafür verantwortlich sind, die Geschichten voran zu treiben. (Wobei: Wenn man Spaß an seinem Job hat, kann man durchaus auch die Unzulänglichkeiten der Soap innerhalb der Soap aufs Korn nehmen – schaffen unsere Dialog-Autoren immer wieder. 😉 )

  8. Mencken sagt:

    Müßte ich ehrlicherweise nochmals nachfragen, ändert aber nichts an meinem grundsätzlichen Eindruck, daß oftmals eine gewisse Herablassung auch auf Seiten der Produzierenden besteht. Ich kenne das auch aus anderen Bereichen, beispielsweise der Musikbranche, von Fotografen, die Werbeaufträge eigentlich als unter ihrer Würde betrachten (aber seit 10 Jahren keine anderen Sachen gemacht haben), usw.

    Freut mich, wenn es auch anders geht, aber die oftmals herablassende Haltung gegenüber populärer Kultur in Deutschland ist meines Erachtens eben wirklich ein Problem, daß nicht allein auf die Kritiker beschränkt ist, bzw. erstmal einen ganz anderen Auftritt und ein anderes Selbstverständnis der Macher bräuchte, um nachhaltig verbessert zu werden.