Erwartungshaltungen und Selbstwahrnehmungen

Definieren wir spaesseshalber einen „Reisenden“ mal als jemanden, der Interesse an dem Ort hat, an den er faehrt – im Gegensatz zum „Touristen“, der eigentlich nur „wegfahren“ will, um dann an seinem mehr oder weniger beliebigen Ziel etwas geboten zu bekommen.

Alle Reisenden, die nach so etwas wie „authentischer Erfahrung“ streben, stehen vor demselben Dilemma: Je mehr von ihnen an einem bestimmten Ort einfallen, um so weniger Authetizitaet werden sie vorfinden – stattdessen gibt’s Tourismusangebote. Wenn man das weiss, koennen freilich auch die durchaus unterhaltsam sein – man bekommt ein befriedigendes Produkt – nur heisst das Produkt eben nicht „Original und 100% echte einheimische Kultur“, sondern „Das Beste unserer Heimat, fuer Sie ansprechend verpackt“.

„Stray“, die Firma bei der ich meine Bustour ueber die Suedinsel gebucht habe, vermarktet sich selbst als Busunternehmen fuer Reisende. Das ist natuerlich Unsinn – der Bus faehrt einen von Sehenswuerdigkeit zu Herberge und umgekehrt, unterwegs wird einem dann noch die Moeglichkeit eingeraeumt, traditionelle Maori-Schnitzereien mit den althergebrachten Werkzeugen Stichsaege und Dremel zu erstellen. Wenn irgendwas nach Tourismus riecht, dann das.

Ist ja auch gar nicht so schlimm – wenn ich nur drei Wochen fuer die Suedinsel habe, verbringe ich die lieber mit portionierter Kultur als mit Rumsitzen in irgendwelchen Busstationen, weil ich auf den Anschluss warten muss. Lustig wird es nur, wenn Leute tatsaechlich glauben, etwas anderes als vorgefertigte Touristenangebote zu erleben:

Beim Gletschertrip heute (der uebrigens fuer einen Hochgebirgslaien wie mich sehr beeindruckend war – Fotos sind online) beschwerte sich eine Teilnehmerin der Gletschertour, die pro Jahr buchstaeblich mehrere zehntausend Touristen machen, tatsaechlich darueber, dass wir nicht ganz oben in das schoene, unberuehrte blaue Eis stiegen, das hauptsaechlich deswegen noch so schoen blau und unberuehrt aussieht, weil nicht staendig Menschenmassen hindurchlatschen. Eine andere Teilnehmerin war uebrigens – und ich schwoere, dass das wahr ist – genervt, weil man auf der Gletschertour so viel Eis sah…

Um die Sache rund zu machen: Ich hoerte beide am Abend auch noch einerseits darueber diskutieren, dass die Ostkueste Australiens inzwischen zu „touristy“ ist, um da noch hinzugehen, andererseits waren sie hellauf erpicht, zu erfahren, welches denn nun wirklich der hoechste Bungy-Sprung der Welt war – der in Queenstown oder doch einer in Suedafrika, denn das war ja nun verdammt wichtig, dass man da den richtigen macht. Nicht auszudenken, wenn man nur am zweitlaengsten Gummiseil der Welt in die Tiefe stuerzt…

Zur Verteidigung der Beiden: Sie sind beide knappe Zwanzig – da darf man noch so drauf sein. Mit meinen 32 Jahren hingegen (die ich hier beim Alkoholkauf regelmaessig mit Ausweis belegen muss, weil man mich fuer unter 25 haelt) hab‘ ich mir das Recht erworben, ueber diese Haltung zu laestern – fuer irgendwas muss der Altersvorsprung schliesslich gut sein.

One Response to “Erwartungshaltungen und Selbstwahrnehmungen”

  1. Antje sagt:

    Hallo, Jens
    danke für die neue Schilderung und die eindrucksvollen Photos!Zum Glück ist die Landschaft trotz vieler Touristen noch immer so beeindruckend, daß ich Dich um diese Erlebnisse beneide. Vielleicht muß man ja, wie Du bemerktest,einen „Altersvorsprung“ haben,um Schönheit trotz mancher Widrigkeiten einfach genießen zu können! Übrigens, die Sonnenbrille und die Wanderkluft stehen Dir ausgezeichnet,Gruß,Antje