Nemo gefunden

Ihr kennt doch sicher alle diese flachen Steine, die, wenn man sie richtig ueber die Wasseroberflaeche schleudert, ein paar Mal auftitschen, bevor sie untergehen? Diese Steine legen weitere Strecken in Gewaessern zurueck als ich.

Zwar liegt irgendwo zuhause wahrscheinlich noch die Kinderbadehose mit dem Seepferdchen-Aufnaeher herum, aber in Wahrheit bewegen sich meine Schwimmfaehigkeiten etwas unterhalb von denen einer halben Tonne Zement. Aus diesem Grunde war es fuer mich natuerlich eine absolute Selbstverstaendlichkeit, einen Boots-Trip raus zum Great Barrier Reef zu buchen (das ist da, wo Clownfische, Korallen und allerlei anderes Meeresgetier leben), mir Schwimmanzug, Flossen und Schnorchelbrille anzuziehen, und mich in die Fluten zu stuerzen. Schliesslich bezahlen andere Leute teures Geld fuer ein paar Sekunden Todesangst beim Bungy-Sprung. Ich hingegen kriegte fuer weniger Geld gleich zweimal 20 Minuten durchgehende Panik plus ein paar Stunden Bootsfahrt in der prallen Tropensonne geboten.

Ich muss aber zugestehen, dass das Personal sehr verstaendnisvoll war und alles versuchte, um mir meine Aengste zu nehmen. Die erste Runde bewegte sich eh am Strand einer Insel. Fuer mich galt das buchstaeblich, denn ich traute mich nicht weiter raus als bis dahin, wo ich den Boden gerade noch mit Armeslaenge erreichen konnte, was mir die intensive Betrachtung von Millionen von Sandkoernern ermoeglichte: Jedes fuer das blosse Auge nicht anders als irgendein anderes, und doch jedes ein Kunstwerk fuer sich, das in seiner Ausdruckstiefe an eine gaenzlich leere Leinwand erinnert.

Eine nette Schwedin bemerkte mein hilfloses Gestrampel knapp an der Wasserline, nahm mich bei den Haenden, und zog mich durch das 25 Grad warme Wasser ein paar Meter nach draussen, so dass ich tatsaechlich ein paar Korallen zu Gesicht bekam. Und ich war ueberrascht – das fuehlte sich gar nicht so schlimm an. (Das Schwimmen jetzt, nicht die Schwedinnenhaende. Gut, die auch nicht, aber darum geht es hier nicht.)

Und so erklaerte ich mich tatsaechlich bereit, auch den zweiten Schnorchelgang mitzumachen – war im Prinzip genau wie der erste, nur dass die Korallen nicht in der Naehe des Strands waren, sondern mitten in Wasser ueber dessen Tiefe ich gar nicht nachdenken will.

Wider meiner Instinkte liess ich mich ins Wasser locken und griff nach dem Rettungsring, mit dem mich eine freundliche Tour-Mitarbeiterin in Richtung Riff zog. Freundlicher Ratschlag von ihr: „Guck nicht nach unten bis wir am Riff sind, da gibt’s eh nichts zu sehen.“ Was stimmte – ich guckte nach unten und sah nichts im tuerkisblauen Wasser – nicht einmal den Grund…

Eine knallgelbe Schaumgummiwurst um meine Huefte sorgte zwar dafuer, dass ich mit all der Eleganz eines toten Fisches an der Wasseroberflaeche trieb, aber ohne jegliche Bewegungskoordination im Schwimmen war ich mehr oder weniger darauf angewiesen, mich an diesem orangenen Ring festzuhalten, um nicht hilfos zum Spielball der Wellen zu werden. Man stelle sich meine Gedanken ungefaher so vor:

„Fetshalten. Gut festhalten. Klasse, das klappt schon mal. Und nicht das Mundstueck aus dem Mund verlieren – das brauchst Du zum Atmen. Durch den Mund, verdammt. Nicht durch die Nase. Da kommt nix. Es sei denn Wasser. Und wenn da Wasser kommt, bist Du gearscht, weil das heisst, dass die Maske nicht richtig sitzt, und die kannst Du nicht veraendern, ohne den Ring loszulassen. Also einfach durch den Mund atmen.
Was sagt sie? Runtergucken? Aber… Oh: Korallen! Schoen. Wie das Licht da spielt… Udn jetzt schwimmt sie runter zu dieser Riesenmuschel und stupst sie an – und die Muschel schliesst sich! Wow…

Moment, wenn sie da unten rumtaucht, dann heisst das, dass ich hier alleine an meinem Ring herumhaenge. Kacke!

Ruhig bleiben. Sie kommt schon wieder hoch. Oh! Ein Clownfisch! Ich hab‘ Nemo gefun… Brr, baeh. Wasser im Schnorchel. Wie war das? Ach ja, laut ‚Two‘ sagen, das treibt das Wasser raus.

Mehr Korallen. Blaue. Gruene. Harte. Weiche. Dazwischen Fische. Und Salzwasser in der Maske, das ich nicht rauskriege, weil ich mich nicht traue, eine Hand vom Ring zu nehmen. Oh Gott, jetzt will noch jemand an den Ring. Ich muss umgreifen. Warum mache ich diese Scheisse?“

Als ich ins Wasser steig, hatte mir eine Mitarbeiterin prophezeit, dass ich, wenn ich aus dem Wasser kaeme, stolz auf mich sein wuerde, weil ich meine Angst ueberwunden hatte. Als ich nach 20 Minuten Schlepptaudaseins wieder an Bord kletterte, ueberkam mich tatsaechlich ein vertrautes Gefuehl: Die Beine waren weich, die Arme kribbelten und meine Bekannten an Bord sahen mich erschrocken an, weil ich furchtbar blass aussah. Da kamen mir jetzt ausnahmsweise mal meine Erfahrungen mit Panikattacken zugute: Ich hatte ganz offensichtlich hyperventiliert. Wenn Atmen das Einzige ist, das ich zu meinem Ueberleben beitragen kann, dann tue ich das eben mit aller Begeisterung.

Aber gut. Das ist gar nicht so uebel. Mit Hyperventilieren kenn ich mich wenigstens aus. Kein Problem. Ruhig bleiben. Hinsetzen. Abwarten. Geht vorbei.

Ging es auch. Und als ich mich erschoepft in die Sonne legte, war mir eines verdammt klar: Ich hatte meine Angst nicht ueberwunden. Ich hatte ihr nur eine Weile Gesellschaft geleistet, waehrend sie einen Schwimmausflug gemacht hatte. Jetzt hockt sie wieder da draussen und an jedem anderen halbwegs tiefen Gewaesser der Welt, und wird liebend gerne wieder mit rauskommen, wenn ich nochmal so bloed sein sollte, mir Schwimmzeugs anzuziehen. Meine Angst schwimmt anscheinend ganz schoen gerne. Selber schuld.

In diesem Sinne: Tschuess Nemo, tschuess Korallen, tschuess Riesenmuscheln. War nett, euch gesehen zu haben, aber ich komme nicht nochmal raus.

Und Sonnenbrand hab ich auch. Da, wo man immer vergisst, sich einzucremen: Auf dem Fussruecken.

2 Responses to “Nemo gefunden”

  1. Antje sagt:

    Hallo,Jens
    gratuliere Dir zu Deinem Mut!!!
    Hut ab!Deine Angst ist garantiert eingeschüchtert,hat sie doch mächtig an Macht verloren. Bin gespannt, wohin Du weiterfährst ,herzliche Grüße

  2. dorle baumeister sagt:

    deine panikattacke kann ich gut verstehen habe es bisher nur zum schnorcheln gebracht.