An der Einsturzstelle

Als ich gestern vom Einsturz des Archivgebäudes hörte, war schnell der Impuls da, mir den Schauplatz persönlich anzusehen. Klar, ganz wohl war mir bei dem Gedanken nicht: Immerhin gehöre auch ich zu den Menschen, die auf Gaffer nicht gut zu sprechen sind. Nach einigem inneren Hin und Her beschloss ich dennoch, nach der Arbeit die U-Bahn zur Severinstraße zu nehmen – immerhin dürfte das eines der Ereignisse sein, die den Kölner an sich noch eine ganze Zeit bewegen werden.

Nach dem Aussteigen drehte ich zunächst eine Runde durchs Viertel – die Straße wirkte belebter als sonst um diese Uhrzeit, in einem Büdchen standen Männer zusammen und schauten sich die Lokalzeit im Fernsehen an, die gerade über das Unglück berichtete. Dadurch kamen diejenigen, die selbst in der Nähe gewesen waren auch ins Erzählen; ihre Geschichten glichen sich allesamt: Normaler Tag, dann ein Grollen und Beben und draußen eine Staubwolke.

Mehr als das weiß letztlich keiner. Wie auch – das Geschehen liegt erst wenige Stunden zurück. Das hindert den Express nicht daran, keine 500 Meter vom Unglücksort entfernt eine eine Sonderausgabe zu verkaufen. Ganz in der Nähe des Zeitungsmannes sammelt eine junge Reporterin Anwohnerstimmen für die Morgenausgabe: „Hast Du jetzt Angst, in Deine Wohnung zu gehen?“

An der Ecke zur Achterstr. erklärt ein deutsches Paar einem südländisch wirkendem Mann, was passiert ist. Besorgt will er Wissen, ob Menschen im Gebäude waren.

Die Polizei hat den Fußweg kurz hinter der Bahnhaltestelle abgesperrt und lässt nur Anwohner und Bewohner des Hotel Mercure durch. Zwischen Rohren und gelben Baustellencontainern ist ein Stück des unwirklich riesigen Schutthaufens zu sehen. Außer mir stehen nur wenige Leute am Absperrband.

Ich gerate mit einem Paar um die 50 ins Gespräch. Sie ereifert sich über alles: Wieso man so wenig wisse, wieso die nicht mit großen Baggern Leute retten und wieso niemand wisse, wo die Busse umgeleitet werden. Er ist ruhiger, sagt nur irgendwann: „Ich bin am Rosenmontag mit den Roten Funken hier lang. Da standen Leute direkt davor. Der Zug ging da lang. Nicht auszudenken, wenn das da passiert wäre.“

One Response to “An der Einsturzstelle”

  1. Julia S. sagt:

    So schrecklich dieses Ereignis ist, es hätte wirklich noch schlimmer kommen können, wäre die ganze Sache während des Umzuges passiert.