Archive for the ‘Blogging’ Category

Nazi-Sexpuppen oder: Der Weg einer Meldung

Mittwoch, Juni 15th, 2005

Da stolperte ich vorhin doch glatt über einen Artikel über Borghild, ein angeblich streng geheimes Projekt der Wehrmacht zur Herstellung von Sexpuppen – zum Schutz vor Geschlechtskrankheiten, die Frauen in eroberten Gebieten übertragen könnten.

Klingt absurd: Offenbar nicht für Blogcritics – die schreiben das, als wäre es Tatsache. Ich hingegen wurde etwas skeptisch und wollte mal tiefer buddeln. Das fand ich heraus:

Die zeitliche Abfolge

Bis April gab es anscheinend mit www.borghild.de eine einzige Website (auch auf englisch) zum Thema – dann erwähnte die taz das Projekt – unter Bezugnahme auf ebendiese Website – in einem Artikel. Ob die taz selbst auf diesen Artikel stieß oder ob eine andere Publikation die Seite zuvor erwähnte, lässt sich nicht klar feststellen.

Kurz nach dem taz-Artikel tauchen eine Menge Berichte zum Thema auf. Alle stellen es als Fakt dar. Interessant dabei: Der ursprüngliche Artikel erwähnt Joachim Mrugowsky (der unter den Nazis tatsächlich am Hygienischen Institut Halle abscheuliche Experimente veranstaltete), schreibt den Nachnamen aber konsequent falsch als „Mrugrowsky“ (also mit einem „r“ zuviel vor dem „o“). Diese Fehlschreibung wird in allen Artikeln übernommen, die den Namen des Erfinders beinhalten. Es ist also davon auszugehen, dass alle Berichte direkt oder indirekt auf Borghild.de zurückgehen.

So landet der Artikel Ende Mail 2005 schließlich auch bei der BILD-Zeitung – selbst die ist in ihrer Berichterstattung ungewohnt vorsichtig, hat allerdings dem Bericht nach kaum Eigenrecherche betrieben.

Immerhin schließt ihr Artikel mit folgender Aussage:

„Fakt ist: Der Prototyp der Puppe ist nie aufgetaucht. Allerdings wurde das Dresdner Hygiene-Museum während des Krieges schwer zerstört.

Die Leiterin der Sammlung, die Kulturwissenschaftlerin Susanne Roeßiger (43):

„Die Anfrage eines Wissenschaftlers der Freien Universität Berlin hat uns auf diesen durchaus interessanten Bericht aufmerksam gemacht. Seitdem recherchieren wir und prüfen unsere Archive. Bislang allerdings ohne Ergebnis.“ „

Vielsagende Änderungen im Detail

Inzwischen wurde die Startseite von borghild.de entfernt. Der Rest der Site blieb freilich da und ist dank Google problemlos zu erreichen. Wie die Startseite einmal aussah, sieht man im Web-Archiv. Die dort gespeicherte ältere Kopie des deutschen Textes aus dem Jahr 2003 hält eine weitere Überraschung bereit: Im neuen Text stehen unter den Fotos folgende Unterschriften:

„Rekonstruktionsversuch an einer Schaufensterpuppe (Quelle: Female Runner – Made By Mondo )“

und

„Rekonstruktionsversuch des Kopfes an einer Schaufensterpuppe“

In der originalen Fassung der Seite fehlen diese Unterschriften.

Beide Fassungen haben unten folgenden Absatz:

„Von Arthur Rink stammen auch die wahrscheinlich einzigen Photos der Borghild-Puppe.
„Bei den Kontaktabzügen handelt es sich um a.) Gesichtsstudie Nr. 2 Dominant und b.)Ganzkörper Ansicht, seitlich. Beide Photos habe ich im Papierkorb des Museumlabors gefunden. Andere Aufnahmen habe ich leider nicht, da das Fotografieren vor Ort verboten war.“
Die „Ganzkörper-Ansicht, seitlich“ präsentiert die Borghild-Puppe in der 1941 am SS-Hygiene-Institut Berlin präsentierten Form.
Unverkennbar ist der Einfluß von Rinks Lehrer Arno Breker, der die Steigerung der menschlichen Vorstellung im Körperlichen und im Ausdruck propagierte. Der Körper der
Puppe ist ästhetisch raffineriert und von allem Überflüssigen befreit.“

Ohne die Kennzeichnung der Fotos als Rekonstruktion impliziert dies, dass es sich um Originalbilder handelt – mit Kennzeichnung der Fotos als Rekonstruktion ergibt es keinen Sinn: Warum sollte der Text in dieser Form von angeblich existenten Originalbildern sprechen ohne sie zu zeigen?

Der Autor

Der Text auf Borghild.de gibt einen gewissen „Norbert Lenz“ als Autor an – in der englischen Fassung erfahren wir mehr über ihn als in der deutschen:

„Norbert Lenz, born 1966 in Hamburg, is a freelance-journalist contributing regulary to magazines like Stern, Max and Focus.“

Eine Google-Suche nach „Norbert Lenz“ plus einem der Zeitschriftennamen erbringt keinerlei Resultate. Das muss nichts heißen, ist aber schon mal merkwürdig. Und bei Amazon findet sich als einziges Buch mit einem „Norbert Lenz“ als Autor, das bahnbrechende Werk „Entenparadies Bodensee„. Komsich, dass der gute Mann mit seinem sensationellen Wissen über Nazi-Sexpuppen so hinterm Berg hält.

Zwischenstand

Die Fakten bisher zusammengefasst:

  • Alle Infos kommen von einer Website
  • Die angebliche Autorschaft lässt sich nicht belegen
  • Zunächst als original erscheinende Fotos wurden nachträglich mit einem Rekonstruktions-Vermerk versehen
  • Die Seite wurde anscheinend ziemlich stümperhaft aus dem Netz genommen

Der Domain-Inhaber

Bleibt nur noch Eines: Gucken wir mal, wem Borghild.de gehört:

Laut DENIC ist die Domain auf einen gewissen Mike Cospro registriert, Wohnhaft in Neumarkt in der Oberpfalz. „Mike Cospro“ ist nicht gerade ein häufiger Name, Google weiß nichts über ihn und im Telefonbuch von Neumarkt ist er auch nicht verzeichnet.

Das ist nun der Stand der Dinge – und das vorhandene Material hat mein Vertrauen in diese Sex-Puppen-Geschichte nicht gerade wachsen lassen…

Was bleibt, wäre noch eine Anfrage bei der Kontaktadresse, die auf der Borghild-Seite angegeben ist, aber das überlasse ich gerne Anderen. Wenn die „BILD“ das anscheinend nicht nötig hatte, dahin zu mailen, dann muss ich das doch auch nicht tun, oder?

Wir sind Kanzler ! Oder auch nicht !?

Dienstag, Juni 14th, 2005

Das Wahlblog hat merkwürdige Erfahrungen gemacht:

Wir-sind-Kanzler.de

Auf der Seite kann man Ergebenheitsadressen an unseren um Misstrauen kämpfenden Reformkanzler richten. […] Da wollte ich mich natürlich nicht lumpen lassen und hab auch gleich mal was schönes geschrieben:

Gerd Schröder lenkt als Bundeskanzler inzwischen bald 7 Jahre die Geschicke unseres Landes . Deshalb gibt es einen ganz klaren Grund ihn zu wählen: die Bilanz seiner Amtszeit !!! Er hat die Arbeitslosenzahlen deutlich reduziert, unser Sozialsystem für das 21. Jahrhundert fit gemacht und die Staatsfinanzen saniert; so wie er es 1998 versprochen hat !

Ich bin mir sicher: hätte der Gerd das nicht geschafft, würde er es gar nicht wollen, dass man ihn wieder wählt !!!! Aber so: Gerd wählen!

Und jetzt kommt’s: die veröffentlichen meinen Beitrag nicht ! Glaubt man so was ??

Wer schützt hier wen wovor?

Montag, Juni 13th, 2005

Achtung, es wir politisch – ich muss mir gerade mal meinen Frust von der Seele schreiben:

Papa Staat (bzw. in diesem Fall Onkel NRW) ist schon ein Fürsorglicher – der will ja, um seine Schäfchen nicht zu verderben, dafür sorgen, dass sie nichts Böses im Netz sehen können. Das Ganze scheießt zwar manchmal über’s Ziel hinaus, ist aber trotzdem seit 2 Jahren in Kraft.

Nun kommt aber ein Schäfchen daher, das über diese Sperrungen informiert indem es Links auf die gesperrten Seiten setzt. Nicht, weil es mit dem Gedankengut sympathisiert, sondern ganz offensichtlich, weil es der Ansicht ist, dass diese Art der Zensur keine Lösung ist.

Eigentlich kein Problem, sollte man meinen – schließlich stehen diese Links – kaum verschleiert – in der Sperrverfügung, so dass sie jeder halbwegs Internetkundige selbst finden kann. Und in dem Bereich, für den die Sperrverfügung gilt, dürften die Seiten ja eh nicht aufgerufen werden können.

Trotzdem wurde unser Schäfchen dafür verklagt und in erster Instanz wegen Beihilfe zur Volksverhetzung und Beihilfe zur Gewaltdarstellung verurteilt.

Das Ganze ging in die Revision, heute wird das zweite Urteil erwartet.

Dann schauen wir mal, was da passiert – ich persönlich hoffe ja verdammt stark auf einen Freispruch. Nicht weil ich mit in irgendeiner Form mit Nazi-Propaganda sympathisiere (nichts liegt mir ferner), sondern weil ich Zensur für keine geeignete Lösung halte: Was verboten ist, wird nur um so interessanter gemacht, und wenn dann auch noch verboten wird, über die Verbote zu berichten, haben wir ein System installiert, das in böswilligen Händen jederzeit willkürliche Zensur ermöglicht – und ich sehe nicht ein, dass ich hier ein Zensur-System eingeführt wird, weil irgendwo in den USA ein paar Ewiggestrige ihren Müll ins Netz stellen müssen.

Wichtiger als der (zum Scheitern verurteilte) Versuch, Jugendliche von solchen Inhalten fern zu halten, wäre es, ihnen fundiertes Wissen über Rechtsextremismus beizubringen und ihnen andere Angeboten zu machen – aber dafür benötigte man ja qualifiziertes Lehrpersonal und funktionierende Jugendzentren – und genau das sind die Ecken, an denen im Moment mit Vorliebe gespart wird…

Und hier nochmal für die Juristen dieser Welt: Ich weise darauf hin, dass die Inhalte der verlinkten Seiten außerhalb meiner Kontrolle sind. Alle Links dienen nur zu Informationszwecken; Aussagen, die auf den verlinkten Seiten oder weiteren, von ihnen erreichbaren Seiten getroffen werden, entsprechen nicht notwendigerweise meinen eigenen Ansichten. Insbesondere distanziere ich mich von rechtsextremen Inhalten, die direkt oder indirekt über diese Links erreicht werden könnten.

Bloggende Eulen

Montag, Juni 13th, 2005

Und wieder der Versuch, eine konzertierte Blogger-Aktion ins Leben zu rufen:

Weblogs brauchen nicht nur Katzen – Weblogs brauchen auch kluge Eulen: wer nicht unbedingt warten möchte, bis sein Wohnort, sein Geburtsdatum oder seine Vorlieben und Abneigungen auf einer Festplatte bei eBay auftauchen, sollte sich die Aktion »Owl content« ansehen. »Owl content« soll dazu anregen, über Gefährdungen des Datenschutzes und der informellen ‘Selbstbestimmung’ auch in unscheinbaren Fällen, quasi vor der eigenen Haustür, zu berichten.

An sich ne gute Idee, ich wünsche ihnen viel Erfolg. (Und falls ich mal lange genug von meinem Hintern hoch komme, um mich um wirklich wichtige Themen zu kümmern, werd ich mir das Logo auch ans Blog heften – vorher aber nicht, das wäre sinnloses Geprotze ohne inhaltlichen Hintergrund.

(Via Industrial Technology & Witchcraft.)

Umherirren in den Weiten des Netzes

Sonntag, Juni 12th, 2005

Wie sich die Welt verändert – nach den bereits erwähnten paar Monaten außerhalb der Blogosphäre fällt es mir doch schwer, mich wieder zurecht zu finden.

Meine alte Blogroll liegt irgendwo in den Untiefen eines Backups, und beim Versuch, neue Lieblingsblogs via blogg.de zu finden, ist es ganz schön anstrengend, all die kleinen Intimitäten auszusieben, die man selbst als Teenager in sein Tagebuch schrieb.

Blogging ist – wie wahrscheinlich alle außer mir schon längst bemerkt haben – nun also wirklich und endgültig Mainstream. Und größtenteils nicht das „Qualitätsblogging“ in Form eines alternativen Journalismus – ihr wisst schon, die Art Blog, die ich (und 100 Andere) gerne machen würde, wenn ich nicht so gottverdammt faul wäre, nein, das Netz gehört den LiveJournal-Klonen, in denen tausend Teenies ihren Liebeskummer beklagen.

An sich nicht schlimm, und für Psycho-, Sozio-, Anthropo- und was weiß ich noch für logen sicher hochinteressant – aber als frisch Heimgekehrter wäre mir die kleine aber feine Weblog-Gemeinde der letzten paar Jahre doch lieber gewesen…

Ich werd trotzdem mal anfangen, ein paar Lieblinge abseits von Schockwellenreiter und Co zu sammeln. Es muss in diesem enormen Heuhaufen doch ein paar Perlen geben… (Ja, ich weiß, Mixed Metaphor – na und?)

Blog-Abstinenz

Samstag, Juni 11th, 2005

Was ein halbes Jahr ohne Blogging doch ausmacht. Hab ich früher jeden Furz in der Blogosphäre verfolgt (auch wenn diese das nicht sonderlich interessiert hat), so haben sich meine Prioritäten nun verschoben.

Was Spreeblick und Co vorhaben interessiert mich genau so wenig wie die (zugegebenermaßen schon vor Wochen abgefrühstückten) ideologischen Grundsatzdebatten eines Don Alphonso.

Ich hab in diesem Blog nicht mal nen Zugriffszähler, und ich will auch keinen. Wer’s lesen mag, der wird’s schon finden – ich sehe zu, dass ich wenigstens ein paar Verzeichnisse anpinge. Und wenn’s keiner liest – egal, ich hab’s geschrieben, damit steht’s da – für jedermann zum Ergooglen.

(War das jetzt leicht konfus? Wenn ja: Auch egal. :-) )